Hamburg will klimaneutral werden. Immer mehr Menschen sollen mit Wärmepumpen heizen, E-Autos fahren und Unternehmen sollen auf Strom statt Gas setzen. Gleichzeitig entstehen neue große Stromverbraucher wie Rechenzentren oder Wasserstoffprojekte. Doch nun wird deutlich: Das Hamburger Stromnetz stößt schon heute an seine Grenzen.
Der Senat bestätigt in einer aktuellen Antwort auf eine Schriftliche Kleine Anfrage, dass es im Mittel- und Hochspannungsnetz derzeit keine freien Anschlussreserven mehr gibt. Das bedeutet vereinfacht gesagt: Das Netz ist in vielen Bereichen bereits voll ausgelastet.
Der Strombedarf explodiert
Besonders deutlich wird das beim Blick auf die erwartete Entwicklung bis 2040. Schon bis 2030 soll die Stromlast massiv steigen. Vor allem die Elektromobilität sorgt für einen enormen zusätzlichen Bedarf.
Für das Jahr 2030 rechnet Hamburg mit folgenden zusätzlichen Strombedarfen:
- Elektromobilität: +375 MW
- Industrie: +186 MW
- Gewerbe/Handel/Dienstleistungen: +137 MW
- Private Haushalte inklusive Wärmepumpen: +88 MW
- Sonstige Großverbraucher: +142 MW
Bis 2040 verschärft sich die Situation weiter. Allein für E-Autos werden dann zusätzliche 831 MW erwartet. Auch Rechenzentren und andere Großverbraucher legen massiv zu.
Das Problem: Die Infrastruktur wächst offenbar nicht schnell genug mit.
Tausende Megawatt angefragt – aber das Netz reicht nicht
Besonders brisant: Zwischen 2020 und 2025 wurden laut Senat bereits 110 Anschlussanfragen mit insgesamt rund 4.800 MW gestellt.
Darunter:
- 49 Großbatteriespeicher mit rund 2.900 MW
- 17 Rechenzentren mit rund 540 MW
- 7 Wasserstoff- beziehungsweise Elektrolyse-Projekte mit rund 420 MW
Doch viele dieser Projekte könnten derzeit gar nicht angeschlossen werden. Für zahlreiche Vorhaben läuft noch nicht einmal eine abschließende Netzprüfung. Der Senat kann aktuell nicht sagen, welche Projekte kurzfristig möglich sind, welche erst nach Netzausbau angeschlossen werden können und welche derzeit überhaupt nicht darstellbar sind.
Bürger könnten am Ende hinten anstehen
Besonders kritisch ist ein weiterer Punkt: Der Senat prüft inzwischen offen, ob bestimmte Stromkapazitäten bevorzugt für Wärmepumpen und Elektromobilität reserviert werden sollen.
Das klingt zunächst sinnvoll. Doch gleichzeitig räumt der Senat ein, dass mögliche Priorisierungsentscheidungen noch geprüft werden. Übersetzt heißt das: Irgendjemand könnte künftig bevorzugt werden – und andere müssten warten.
Welche Kriterien dann gelten sollen, ist bislang völlig offen.
Für Unternehmen, Handwerksbetriebe oder größere Wohnungsbauprojekte ist das ein ernstes Warnsignal. Denn ohne ausreichenden Netzanschluss können Projekte verzögert oder sogar verhindert werden.
Netzengpässe offenbar seit Ende 2025 bekannt
Besonders bemerkenswert: Hinweise darauf, dass die Anschlussreserven nicht mehr ausreichen könnten, lagen laut Senat bereits Ende 2025 vor. Hintergrund seien unter anderem fehlende Infrastrukturmaßnahmen des Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz sowie die stark gestiegene Zahl an Anschlussanfragen.
Trotzdem bleiben viele Fragen offen:
- Wann genau entspannt sich die Situation?
- Welche Stadtteile oder Netzbereiche sind besonders betroffen?
- Welche Projekte erhalten Vorrang?
- Wie viele zusätzliche Kapazitäten entstehen tatsächlich?
Auf viele dieser Fragen liefert der Senat keine konkreten Antworten.
Selbst der Senat kennt viele Zahlen nicht
Besonders problematisch: Selbst bei wichtigen Infrastrukturprojekten verweist der Senat auf Vertraulichkeitsklauseln und beantwortet zentrale Fragen nicht. So bleibt unklar:
- Welche zusätzlichen Transformatoren seit 2018 bestellt wurden,
- wann diese in Betrieb gehen,
- und wie viel zusätzliche Leistung dadurch tatsächlich entsteht.
Auch zu den künftig verfügbaren Anschlusskapazitäten für 2027, 2030 oder 2035 könne man „keine belastbare Aussage“ treffen.
Energiewende braucht funktionierende Netze
Die Energiewende funktioniert nur, wenn auch die Infrastruktur mithält. Wärmepumpen, Ladeinfrastruktur, neue Wohnungen, Industrie und Digitalisierung brauchen Strom – und zwar zuverlässig.
Doch genau daran bestehen inzwischen erhebliche Zweifel.
Wenn Hamburg gleichzeitig neue Rechenzentren, Wasserstoffprojekte, Batteriespeicher und Millionen zusätzlicher Verbraucher ans Netz bringen will, reicht es nicht, nur politische Ziele zu formulieren. Dann müssen auch Leitungen, Umspannwerke und Transformatoren rechtzeitig gebaut werden.
Derzeit wirkt es jedoch so, als ob der Netzausbau den Entwicklungen hinterherläuft – mit unkalkulierbaren Folgen für Bürger, Unternehmen und die gesamte Energiewende.
Quelle: Schriftliche Kleine Anfrage Drs. 23/3401

