Dass es in Hamburg einen Stadtteil gibt, in dem eine „Hunger-AG“ notwendig geworden ist, sollte eigentlich Alarmstufe Rot auslösen. Doch statt entschlossen zu handeln, verteidigt der Senat sein Vorgehen – und liefert Antworten, die das eigentliche Problem sogar bestätigen: In Steilshoop müssen Kinder ihr Frühstück, ihr Obst und teilweise sogar ihre gesamte tägliche Mahlzeit in Schulen, Jugendtreffs oder Kirchengemeinden bekommen, weil es zu Hause fehlt.
Und während engagierte Lehrerinnen, Sozialarbeiter und Ehrenamtliche versuchen, das Schlimmste zu verhindern, verfasst der Senat beruhigende Texte über Sozialleistungen und Zuschüsse. Das zentrale Problem – dass Kinder in Hamburg hungrig sind – wird damit nicht kleiner, sondern größer.
Die Realität: Hunger im Klassenzimmer
Lehrkräfte berichten von Kindern, die hungrig zur Schule kommen. Von Kindern, die frieren. Von Kindern, die versuchen, ihren Hunger mit Schulobst zu stillen. Von Familien, die längst nicht mehr wissen, wie sie über die Runden kommen.
Darunter Schulen wie die Schule Appelhoff oder die Schule am See, die kostenlose Frühstücke, Snacks, warmes Mittagessen und sogar Nachmittags-Snacks anbieten – finanziert durch Stiftungen, Sponsoren und Kirchengemeinden. Nicht durch den Senat. Nicht durch die Stadt.
Die Antwort des Senats: Viele Worte, wenig Verständnis
Der Senat schreibt, die „Hunger-AG“ sei lediglich ein „loser Zusammenschluss“, der „nicht aktiv tätig“ sei. Gleichzeitig verweist er auf einen „Offenen Brief Hungrige Besucher“, aus dem eindeutig hervorgeht: Immer mehr Kinder decken ihre Grundversorgung an Lebensmitteln in Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit ab.
Das heißt übersetzt: Kinder in Hamburg sind auf Suppen, Snacks und Obst aus sozialen Einrichtungen angewiesen, um satt zu werden.
Der Senat gibt also selbst zu, dass das Problem massiv ist – ohne zu sagen, wie es gelöst werden soll. Stattdessen folgen in der Senatsantwort lange Absätze über Bürgergeld, Wohngeld, Kindergeld, BAföG und Elterngeld. Leistungen, die es schon immer gab. Leistungen, die offensichtlich nicht ausreichen, um den Hunger im Stadtteil zu lindern.
Währenddessen: 600 Millionen Euro für ein Naturkundemuseum
Dass Hamburg 600 Millionen Euro für ein neues Naturkundemuseum ausgeben möchte, ist ein politischer Schwerpunkt, über den man diskutieren kann. Aber eines ist klar: Wer 600 Millionen Euro für ein Museum hat, sollte wenigstens sicherstellen können, dass Kinder in dieser Stadt satt werden.
Doch beim Thema Kinderarmut zeigt der Senat wenig Eile. Die Antwort: Man „prüfe“, ob unterjährig ein paar zusätzliche Mittel für Koch- und Essensangebote bereitgestellt werden könnten. Währenddessen berichten Schulen und soziale Einrichtungen, dass der Bedarf explodiert.
Die wachsende Armut im Stadtteil wird verlagert – nicht gelöst
Der Senat betont, dass die Schulen ein umfassendes Angebot hätten, und lobt die Akteure vor Ort. Doch genau hier liegt der Kern der Kritik:
Es sind nicht Staat und Stadt, die den Hunger bekämpfen. Es sind Schulen, Ehrenamtliche, Kirchengemeinden, Vereine und die Nachbarschaft.
Die „Hunger-AG“ existiert, weil die Realität längst über die Politik hinweggerollt ist. Dass Kinder in Hamburg – einer der reichsten Städte Europas – nur dank Spenden und Ehrenamtlicher regelmäßig essen, sollte niemanden stolz machen. Und schon gar nicht sollte es mit dem Hinweis relativiert werden, dass es ja Sozialleistungen gibt.
Ein Stadtteil, der nicht aufgibt – und ein Senat, der wegschaut
Steilshoop ist ein Stadtteil mit viel Engagement, viel Herz, viel Zusammenhalt. Aber die Menschen vor Ort können nicht auffangen, was die Politik liegenlässt.
Wenn der Senat selbst zugibt, dass immer mehr Kinder ihre Grundversorgung an Lebensmitteln außerhalb ihrer eigenen Wohnung erhalten müssen, dann ist das kein Randphänomen. Das ist ein sozialpolitischer Notstand.
Kinderhunger ist kein Verwaltungsproblem – sondern ein politisches Versagen
Hamburg braucht keine weiteren Prüfaufträge, keine Selbstbeweihräucherung, keine langen Erklärungen, warum alles eigentlich gut organisiert sei. Hamburg braucht eine Politik, die erkennt: Hungernde Kinder sind das Alarmsignal einer gescheiterten Sozialpolitik.
Solange ein Museum für 600 Millionen Euro geplant wird, während in Steilshoop Kinder auf Hilfe angewiesen sind, weil sie zu Hause kein Essen finden, stimmt die Prioritätensetzung in dieser Stadt ganz eindeutig nicht. Hamburg kann es besser – wenn man es politisch endlich will.
Quelle: Drucksache 23-02044

