Hamburg investiert weiterhin mehr als 1,5 Millionen Euro in internationale Klimaprojekte und Emissionsgutschriften – Maßnahmen, die für die eigenen Klimaziele keinerlei Wirkung entfalten dürfen. Fraglich ist, warum ein Bundesland faktisch Entwicklungshilfe betreibt, obwohl dies originäre Aufgabe des Bundesentwicklungsministeriums ist. Man könnte darüber diskutieren, wenn Hamburg finanziell üppig ausgestattet wäre – doch die Realität sieht anders aus: Hamburgs Bezirke kämpfen inzwischen damit, Basisausstattung und Daseinsvorsorge aufrechtzuerhalten. Die Bezirksamtsleiterin von Hamburg-Nord warnte jüngst, man müsse Spielplätze schließen, Brunnen abschalten und Straßenbaumpflanzungen aussetzen, weil die Bezirke massiv unterfinanziert seien.
CDU deckte schon 2020 auf: Klimaziele nur dank Zertifikaten erfüllt
Bereits in der Vergangenheit hatte der Senat Emissionszertifikate gekauft, um die eigene Klimabilanz rechnerisch zu verbessern. Nachdem die CDU dies gemeinsam mit dem Hamburger Abendblatt öffentlich gemacht hatte, sollte diese Praxis eigentlich beendet werden.
Der Senat rühmte sich damals, die bis 2020 geplanten zwei Millionen Tonnen CO₂-Minderung erreicht zu haben – dank rund 400 Klimaschutzmaßnahmen. Doch ein genauer Blick in den Zwischenbericht zum Klimaplan zeigte: Rund vier Prozent dieser Einsparungen stammten gar nicht aus Hamburg, sondern aus einem Projekt in Nigeria.
Für 999.750 Euro kaufte der Senat Zertifikate aus dem UNFCCC-Programm „Improved Cooking Stoves for Nigeria“ (CDM PoA 5067). Ohne diese externe Gutschrift hätte Hamburg – sogar im Corona-Jahr mit historisch niedrigen Emissionen – seine eigenen Ziele verfehlt. Begründung des Senats damals: CO₂-Reduktion im Ausland sei kostengünstig und helfe der nachhaltigen Entwicklung vor Ort.
Warum kauft Hamburg weiterhin Emissionsgutschriften im Ausland?
Trotz der Kritik macht der Senat weiter. Seit 2022 wurden erneut Zertifikate erworben – diesmal u. a. für:
- Biogasanlagen in Nepal und Indien
- Effiziente Öfen in Ruanda und Nigeria
- Stromerzeugung aus Senfernteresten in Indien
Die Kosten:
- 899.997 Euro
- 624.986 Euro
Insgesamt: 1.524.983 Euro
Der Senat selbst geht von durchschnittlichen Kosten von 3.611 Euro pro Straßenbaum aus. Mit dem Betrag für die Zertifikate hätte Hamburg also 422 neue Straßenbäume pflanzen können.
Alternativ hätte man dringend notwendige
- Baumkontrollen,
- Pflegearbeiten,
- Stadtgrünprojekte
- oder Moorrenaturierungen
finanzieren können – Maßnahmen, die nachweislich in Hamburg wirken und langfristige CO₂-Speicher schaffen.
Der Senat gibt selbst zu: Zertifikate nützen Hamburgs Klimazielen nicht
Der paradoxe Kern der aktuellen Senatsantwort:
- Die CO₂-Minderungen aus Nigeria, Indien oder Ruanda werden überhaupt nicht auf die Hamburger Klimaziele angerechnet werden, da sie nicht in der lokalen Verursacherbilanz erscheinen.
- Weitere Zertifikatskäufe seien daher „derzeit nicht geplant“.
Mit anderen Worten: Hamburg bezahlt für CO₂-Reduktionen im Ausland – kann diese aber nicht einmal zur Erfüllung der eigenen Klimaziele verwenden.
Ein fragwürdiges System
Statt mehr als 1,5 Millionen Euro in weit entfernte Projekte zu investieren, sollte Hamburg dringend prüfen, wie diese Mittel vor Ort sinnvoller eingesetzt werden können: für Stadtgrün, Aufforstung, Moorrenaturierung oder lokale Klimaanpassung. Diese Maßnahmen stärken nicht nur die Klimabilanz Hamburgs, sondern verbessern auch die Lebensqualität der Menschen in unserer Stadt.
Quelle: Drucksache 23-02310

