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Zukunft der Gasversorgung in Hamburg: Was konkret geplant ist, wie der Stand wirklich aussieht – und was das für Gaskundinnen und Gaskunden bedeutet

Hamburg will spätestens 2040 klimaneutral sein. Grundlage dafür ist ein vom Senat beauftragtes Gutachten, das unmissverständlich feststellt: Klimaneutralität 2040 ist nur erreichbar, wenn alle fossilen Gasheizungen ersetzt und das Gasverteilnetz zurückgebaut werden. Doch zwischen dieser Zielbeschreibung und der tatsächlichen Planung klafft eine erhebliche Lücke – mit spürbaren Folgen für über 220.000 Gaskunden in der Stadt.

Was ist laut Gutachten vorgesehen?

Das Klimaneutralitätsgutachten fordert:

  • die vollständige Stilllegung aller öl- und gasbasierten Heizsysteme bis spätestens 2040,
  • den Rückbau des Gasverteilnetzes, sofern das Zieljahr 2040 ernsthaft eingehalten werden soll.

Gleichzeitig übernimmt die Umweltbehörde (BUKEA) künftig die zentrale Rolle in der kommunalen Wärmeplanung nach dem Wärmeplanungsgesetz (WPG): Zielszenario 2040, Gebietseinteilung, Dekarbonisierungspflichten und Kontrolle sollen dort gebündelt werden.

Wie ist der tatsächliche Stand laut Senat?

Die Antworten des Senats bleiben trotz der klaren Gutachterlage auffällig zurückhaltend:

  • Die Aussagen zur Stilllegung des Gasnetzes seien Aussagen des Gutachterkonsortiums, die der Senat lediglich „zur Kenntnis genommen“ habe.
  • Eine bundesrechtliche Grundlage für die Stilllegung von Gasverteilnetzen bestehe derzeit noch nicht.
  • Konkrete Angaben dazu,
    • welche Stadtteile,
    • welche Netzabschnitte oder
    • wie viele Haushalte künftig keine Gasversorgung mehr haben sollen, liegen nach Aussage des Senats nicht vor.
  • Auch Zeitpläne, Rückbaukosten oder soziale Folgenabschätzungen werden nicht benannt.

Der Senat verweist stattdessen auf:

  • laufende Gesetzgebungsverfahren zur Umsetzung der EU-Gas-/Wasserstoffbinnenmarktrichtlinie,
  • eine geplante Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG),
  • sowie zukünftige Konkretisierungen im Rahmen der Wärmeplanung.

Wie viele Gaskunden betrifft das heute?

Nach Angaben der Hamburg Energienetze GmbH wurden in Hamburg versorgt:

  • 2020:
    • 230.742 Standardlastprofil-Kunden (v. a. Haushalte, kleine Betriebe)
    • 923 RLM-Kunden (größere Gewerbe/Industrie)
  • 2024:
    • 224.660 SLP-Kunden
    • 946 RLM-Kunden

👉 Innerhalb von vier Jahren ist die Zahl der Gaskunden bereits um über 6.000 Haushalte gesunken.

Was zahlen die Gaskunden heute? (Netzentgelte)

Beispiel eines typischen Haushalts mit 25.000 kWh/Jahr:

  • Netzentgelt Arbeit (ct/kWh):
    • 2020: 1,201
    • 2021: 1,170
    • 2022: 1,212
    • 2023: 1,735
    • 2024: 1,342
  • Grundpreis (€/Jahr):
    • 2020: 40,08
    • 2021: 39,48
    • 2022: 40,44
    • 2023: 52,92
    • 2024: 43,68

👉 Besonders 2023 zeigt, wie stark Netzentgelte steigen können, wenn Kosten auf weniger Kunden verteilt werden.

Einnahmen, Kosten und Investitionen des Gasnetzes

Gesamteinnahmen aus Netzentgelten:

  • 2020: 146,0 Mio. €
  • 2021: 156,6 Mio. €
  • 2022: 139,9 Mio. €
  • 2023: 186,6 Mio. €
  • 2024: 141,5 Mio. €

Betriebskosten Gasnetz:

  • 2020: 130 Mio. €
  • 2021: 142 Mio. €
  • 2022: 140 Mio. €
  • 2023: 143 Mio. €
  • 2024: 113 Mio. €

Investitionen ins Gasnetz (jährlich):

  • zwischen 29 und 35 Mio. € pro Jahr
  • davon erhebliche Mittel für Ersatz- und Erweiterungsinvestitionen, obwohl das Netz perspektivisch zurückgebaut werden soll.

Was bedeutet das konkret für Gaskundinnen und Gaskunden?

  • Bestandsschutz:
    Aktuell dürfen Gasanschlüsse nur auf Wunsch der Kundinnen und Kunden getrennt werden.
  • Keine Entschädigung:
    Es bestehen derzeit keine gesetzlichen Entschädigungsansprüche, falls die Gasversorgung eingestellt wird.
  • Kostenfalle droht:
    Sinkt die Kundenzahl weiter, verteilen sich die Fixkosten auf immer weniger Haushalte – steigende Netzentgelte sind wahrscheinlich.
  • Keine Planungssicherheit:
    Weder Haushalte noch Betriebe wissen heute,

    • wie lange das Gasnetz in ihrem Quartier betrieben wird,
    • wann ein Umstieg zwingend wird,
    • und welche Kosten bis dahin noch entstehen.

Das Klimaziel 2040 stellt die Gasversorgung in Hamburg grundsätzlich infrage. Gleichzeitig fehlt es bislang an einem verbindlichen Ausstiegsfahrplan, klaren Aussagen zu betroffenen Quartieren und wirksamen sozialen Schutzmechanismen. Für über 220.000 Gaskundinnen und Gaskunden bedeutet das: Planungsunsicherheit, steigende Kostenrisiken und offene Zukunftsfragen.

Quelle: Schriftliche Kleine Anfrage „Zukunft der Gasinfrastruktur in Hamburg – Konsequenzen aus dem Klimaneutralitätsgutachten 2040“,  Drucksache 23-02428