Während Arztpraxen, Apotheke und Gewerbetreibende um ihre Zukunft im EKZ kämpfen, verlässt das Bezirksamt mit dem Allgemeinen Sozialen Dienst selbst den zentralen Standort
Jetzt ist es offiziell: Der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) Steilshoop verlässt das Ärztehaus im Einkaufszentrum an der Gründgensstraße. Vom 24. bis zum 31. August 2026 zieht die Dienststelle in neue Räume am Edwin-Scharff-Ring 41. Ab dem 1. September soll der ASD dort wieder für den Publikumsverkehr geöffnet sein.
Damit zieht eine wichtige öffentliche Einrichtung aus dem zentralen Innenbereich Steilshoops an den Rand des Stadtteils – fast an die Grenze zu Barmbek-Nord und Ohlsdorf.
Der Umzug ist deshalb weit mehr als eine organisatorische Entscheidung. Er ist ein fatales Signal für das Einkaufszentrum und für die Menschen in Steilshoop.
Wenn der Kapitän das Schiff verlässt
Seit Jahren wird betont, dass das Einkaufszentrum das Herz Steilshoops bleiben und durch die geplante Sanierung gestärkt werden soll. Geschäfte, Arztpraxen, die Apotheke und soziale Einrichtungen sollen möglichst im Zentrum gehalten werden.
Doch ausgerechnet das Bezirksamt zieht sich nun selbst aus diesem zentralen Bereich zurück.
Während andere Nutzer des EKZ noch immer auf verlässliche Perspektiven warten, hat die Verwaltung für den eigenen Sozialdienst längst eine neue Unterkunft gefunden. Die Räume am Edwin-Scharff-Ring wurden geprüft, als besser geeignet bewertet und können nun bezogen werden.
Für viele Betroffene dürfte das wie eine bittere Doppelmoral wirken: Die Verwaltung hat ihre eigene Zukunft abgesichert, während Arztpraxen, Gewerbetreibende und die Apotheke weiterhin mit offenen Fragen, drohenden Verlagerungen und wirtschaftlichen Risiken kämpfen.
Wenn das EKZ tatsächlich die Zukunft des Stadtteils sein soll, warum verlässt dann ausgerechnet eine öffentliche Einrichtung diesen Standort?
Vom Inneren Steilshoops an den Rand
Der ASD ist keine gewöhnliche Verwaltungsstelle. Er unterstützt Kinder, Jugendliche, Eltern und Familien in schwierigen Lebenssituationen. Gerade für diese Menschen sind kurze Wege, gute Erreichbarkeit und ein vertrauter Anlaufpunkt besonders wichtig.
Das EKZ liegt im Inneren Steilshoops. Es bildet trotz aller baulichen und wirtschaftlichen Probleme weiterhin den zentralen Versorgungsbereich des Stadtteils. Viele Menschen verbinden ihre Einkäufe mit Arztbesuchen, Apothekengängen oder Behördenterminen.
Der neue Standort am Edwin-Scharff-Ring 41 liegt dagegen am Rand Steilshoops. Für viele Bewohnerinnen und Bewohner werden die Wege damit länger und umständlicher.
Das Bezirksamt muss deshalb erklären, wie die Erreichbarkeit künftig sichergestellt werden soll. Wurden die Folgen für Familien, ältere Menschen, Personen mit Mobilitätseinschränkungen und Menschen in akuten sozialen Notlagen untersucht? Welche Verbindungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln stehen zur Verfügung? Und welche Ersatzflächen innerhalb des zentralen Bereichs wurden ernsthaft geprüft?
Die bisherige Begründung, die neue Fläche sei unter anderem wegen ihres Grundrisses und der Gebäudekonstruktion besser geeignet, reicht für eine Entscheidung mit solchen Auswirkungen nicht aus.
Für sich selbst hat die Verwaltung eine Lösung gefunden
Besonders bemerkenswert ist der Gegensatz zur Situation anderer Nutzer des Einkaufszentrums.
Während das Bezirksamt für den eigenen Sozialdienst eine konkrete Fläche gefunden, geprüft und angemietet hat, kämpfen Arztpraxen, Gewerbetreibende und die Apotheke weiterhin um ihre Zukunft. Viele Fragen zu Ersatzflächen, Umzugsmöglichkeiten, Kosten und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind bis heute nicht abschließend beantwortet.
Auf Nachfragen verweist der Senat regelmäßig auf laufende Gespräche oder die Sanierungsvereinbarung. Konkrete Ergebnisse für die Betroffenen bleiben jedoch vielfach aus.
Dadurch entsteht der Eindruck, dass die öffentliche Verwaltung ihre eigenen Interessen erfolgreicher abgesichert hat als die Interessen derjenigen, die für die medizinische Versorgung und die Nahversorgung Steilshoops unverzichtbar sind.
Gerade die Entwicklung der ärztlichen Versorgung zeigt, wie ernst die Lage ist. Der Stadtteil kann es sich nicht leisten, weitere Praxen oder die einzige Apotheke zu verlieren. Trotzdem fehlt weiterhin eine öffentlich erkennbare Gesamtstrategie, wie diese Einrichtungen dauerhaft im Stadtteil und möglichst im zentralen Bereich gehalten werden sollen.
Vier Jahre ohne fertigen Sozialplan
Dabei kamen die Probleme keineswegs überraschend.
Bereits bei der Festlegung des Sanierungsgebiets wurde darauf hingewiesen, dass die geplanten Maßnahmen zu Betriebsverlagerungen, Arbeitsplatzverlusten und erheblichen wirtschaftlichen Nachteilen führen können.
Zugleich wurde auf die Verpflichtungen nach Paragraf 180 des Baugesetzbuches hingewiesen. Danach sollen frühzeitig Konzepte entwickelt werden, um Nachteile für Betroffene zu vermeiden oder zumindest abzumildern. Dazu gehören insbesondere Hilfen bei Betriebsverlagerungen, Arbeitsplatzwechseln und notwendigen Umzügen.
Genau dafür ist ein Sozialplan vorgesehen.
Doch nach den bisherigen Antworten des Senats wurde die Eigentümerin offenbar erst mit Abschluss der Sanierungsvereinbarung im Jahr 2026 verpflichtet, einen solchen Sozialplan aufzustellen. Auch ein Monitoring- und Controllinginstrument zur Überwachung der Umsetzung befindet sich erst im Aufbau.
Mit anderen Worten: Die Risiken waren spätestens seit 2022 bekannt. Die erforderlichen Instrumente zur Unterstützung der Betroffenen und zur Kontrolle ihrer Umsetzung werden jedoch erst vier Jahre später geschaffen.
Was hat das Bezirksamt seit 2022 getan?
Das Bezirksamt Wandsbek begleitet die Entwicklung des Sanierungsgebiets federführend. Es muss Risiken frühzeitig erkennen, die Sanierungsziele überwachen und darauf achten, dass die Interessen der Bewohner und der örtlichen Einrichtungen ausreichend berücksichtigt werden.
Deshalb stellt sich die Frage, welche konkreten Maßnahmen seit 2022 vorbereitet wurden, um Arztpraxen, Gewerbetreibende, die Apotheke und andere Nutzer des EKZ zu unterstützen.
Der Hinweis auf Verhandlungen über eine Sanierungsvereinbarung reicht nicht aus. Verhandlungen allein ersetzen weder ein fertiges Unterstützungskonzept noch konkrete Ersatzflächen.
Welche Praxen können bleiben? Welche müssen vorübergehend oder dauerhaft umziehen? Wer trägt die Kosten? Wo stehen geeignete Räume zur Verfügung? Wie soll die medizinische Versorgung während der Bauzeit aufrechterhalten werden? Und was geschieht, wenn eine Praxis oder die Apotheke die Belastungen wirtschaftlich nicht übersteht?
Auf diese Fragen brauchen die Betroffenen belastbare Antworten und keine weiteren allgemeinen Verweise auf laufende Gespräche.
Warum bleibt der ASD nicht im künftigen Zentrum?
Nach der Sanierungsvereinbarung soll der Eigentümer notwendige Umzüge finanzieren, damit Geschäfte und Einrichtungen möglichst im Kern Steilshoops erhalten bleiben können.
Vor diesem Hintergrund ist besonders erklärungsbedürftig, warum das Bezirksamt mit dem ASD dauerhaft aus dem EKZ an den Rand des Stadtteils zieht.
Gab es keine geeignete Ersatzfläche im bestehenden oder künftigen Zentrum? Wurde eine solche Lösung ernsthaft geprüft? Welche Standorte wurden verglichen? Und warum wurde die Öffentlichkeit nicht frühzeitig in diese Entscheidung einbezogen?
Es stellt sich auch die Frage, ob das Bezirksamt selbst noch an eine verlässliche Zukunft des EKZ glaubt. Denn wer von anderen erwartet, während einer jahrelangen Sanierung am Standort festzuhalten, sollte erklären, weshalb er mit seiner eigenen Einrichtung wegzieht.
Solange diese Fragen unbeantwortet bleiben, entsteht zwangsläufig der Eindruck, dass sich die Verwaltung selbst aus einer unsicheren Lage zurückzieht.
Das falsche Signal zur falschen Zeit
Der Umzug erfolgt in einer Phase, in der Steilshoop dringend Vertrauen und Planungssicherheit benötigt.
Mehrere Geschäfte haben das Einkaufszentrum bereits verlassen. Die Zukunft weiterer Betriebe ist ungewiss. Die medizinische Versorgung steht unter Druck. Auch die Perspektive der Apotheke beschäftigt den Stadtteil.
Gerade jetzt müsste die öffentliche Hand Präsenz zeigen. Sie müsste deutlich machen, dass sie an das Zentrum glaubt und bereit ist, dort Verantwortung zu übernehmen.
Stattdessen zieht sie mit dem ASD aus dem Inneren Steilshoops an den Rand.
Das ist eine politische Botschaft, ob sie vom Bezirksamt beabsichtigt ist oder nicht: Für die eigene Dienststelle wurde eine sichere Lösung außerhalb des EKZ geschaffen. Die übrigen Betroffenen müssen weiter um ihre Perspektiven kämpfen.
Wer von Ärzten, Apothekern und Gewerbetreibenden Vertrauen in den Sanierungsprozess verlangt, darf sich nicht selbst aus dem Zentrum verabschieden.
Während des Umzugs nur eingeschränkt erreichbar
Vom 24. bis zum 31. August 2026 sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des ASD nach Angaben des Bezirksamtes in der Dienststelle nicht erreichbar.
In Notfällen kann der ASD per E-Mail unter asd-steilshoop@wandsbek.hamburg.de sowie unter folgenden Telefonnummern kontaktiert werden:
- am 24. August: 040 42881-5281
- am 25. August: 040 42881-4076
- am 26. August: 040 42881-4641
- ab dem 27. August: 040 42881-4260
Ab dem 1. September 2026 soll die Dienststelle am Edwin-Scharff-Ring 41 wieder regulär für den Publikumsverkehr geöffnet sein.
Der Umzug ist abgeschlossen – die politischen Fragen bleiben
Verwaltungsorganisatorisch wird der Standortwechsel Anfang September erledigt sein. Politisch beginnt die Debatte jedoch erst.
Das Bezirksamt muss offenlegen, warum der ASD nicht im zentralen Bereich Steilshoops gehalten wurde, welche Alternativen geprüft wurden und wie sich der neue Standort auf die Erreichbarkeit auswirkt.
Vor allem muss es erklären, weshalb für die eigene Dienststelle rechtzeitig eine konkrete Lösung gefunden wurde, während Arztpraxen, Apotheke und Gewerbetreibende weiterhin auf Sicherheit warten.
Wenn der Kapitän das Schiff verlässt, darf er sich nicht wundern, wenn die übrigen Passagiere das Vertrauen verlieren.
Der neue Zwischenstandort:



