Altablagerung Neusurenland: Grundwasser vergiftet, aber Flächensanierung zu teuer

Auf einer Fläche von 46.000 Quadratmetern erstreckt sich die ehemalige Tongrube und Müllhalde für Bauschutt, flüssige und feste Industrieabfälle sowie Hausmüll.

 

Der Traum von Stadtplanern ist es, hier Wohnungsbau ohne Grünflächenvernichtung zu ermöglichen. Die Mieter- und Wohnungsbaugenossenschaft Farmsen (MGF) hätte hier 600 Genossenschaftswohnungen bauen wollen. Doch nach umfangreichen Gutachten ist es derzeit nicht möglich, die Fläche zu sanieren.

Der Kostenfaktor ist der gewichtigste Grund dafür. Weiterhin wird sie für sportliche Aktivitäten genutzt werden. Aus meiner Sicht hätten hier jedoch die Anwohner/innen besser informiert werden können.

 

Das Grundwasser unter der AAB Neusurenland ist vergiftet, jedoch wird laut Senat dieses Wasser nicht verwendet und fließt auch nicht in Richtung des nahen Strandbads Farmsen.

Die wichtigsten Fakten:

 

- die vollständige Sanierung der Fläche kostet lt. Gutachten mindestens 191 Mio. EUR, würde über 12 Jahre dauern, über 100.000 LKW-Fahrten bedeuten (Leerfahrten eingerechnet, volle Fahrten bei Idealbeladung) und eine Grunderneuerung der von den LKW-Fahrten betroffenen Straßen nötig machen, nämlich des Straßenabschnitts Neusurenland bis August-Krogmann-Straße.

 

- deswegen würden laut Senat „derzeit andere, wirtschaftlich vertretbare Varianten geprüft“, die „Überlegungen dazu sind noch nicht abgeschlossen“.

 

- selbst eine Teilsanierung und -bebauung schlägt mit mindestens 76 Mio. EUR und ca. 7 Jahren Dauer zu Buche

 

- eine direkte Gefährdung von Menschen ist laut techn. Machbarkeitsstudie nicht gegeben.

 

- eine Wohnbebauung auf dem Gelände ist nur mit Sanierung des Bodens möglich: Methan- und Kohlendioxidausströmungen in Kellerräumen könnten lebensgefährlich sein. Zudem könnten Gebäude absinken, da sich unterirdischer Abfall weiterhin zersetzt und nicht ausreichend verdichtet ist.

 

- das Grundwasser unter der AAB Neusurenland ist vergiftet, jedoch wird dieses Wasser laut Senat nicht verwendet und fließt auch nicht in Richtung des nahen Strandbads Farmsen

 

- eine direkte Anwohnerinformation zur Machbarkeitsstudie, den Plänen mit dem Gelände und der Vergiftung des Geländes fand nicht statt. Ich verstehe nicht, warum den direkten Anwohnern/-innen kein Informationsschreiben postalisch zugestellt wird. Für die öffentliche Information wird lediglich auf die Informationen im Internet und eine öffentliche Ausschusssitzung der Bezirksversammlung verwiesen.

Genaue Lage und Ausdehnung der Altablagerung (AAB) Neusurenland:

 

Die Altablagerung erstreckt sich im Stadtteil Wandsbek zwischen der Straße Surenland

im Norden, Bramfelder Weg im Westen, Swebenhöhe und Ortsteinweg im Süden und Meilerstra-

ße im Osten.

- 46.000 Quadratmeter Ausdehnung der Altablagerung. Zum Vergleich: Das Volksparkstadion hat eine Rasenfläche von 7140 Quadratmetern. Die Altablagerungsfläche ist somit etwa 6 1/2-mal so groß wie der Rasen der HSV-Kicker.

 

- Altablagerungsvolumen von ungefähr 450.000 Kubikmeter zzgl. ca. 30.000 m³ belasteter gewachsener Boden. Zum Vergleich: Ein Mega-Trailer eines LKWs besitzt etwa 100 Kubikmeter Transportvolumen. Sie können sich also vorstellen: 4800 randvolle LKW-Ladungen (die aufgrund des Gewichts nicht fahren dürften). Die Tiefe des belasteten Bodens und Wassers beträgt bis zu 13 Meter.

 

Es handelt sich um das ehemalige Postsportgelände am Neusurenland in Farmsen. Das Grundstück gehört größtenteils der Stadt Hamburg, ein Teilstück der SAGA.

 

Gebäude auf der AAB Neusurenland

 

Ein Schulgebäude des Gymnasiums Farmsen und eine Schulsporthalle sind dort zu finden. Zudem liegt ein Randbereich der Sportschützenhalle auf der Altablagerung.

 

Nach erstmaliger Untersuchung in 1985 wurden die Gebäude seit 1999 regelmäßig durch Messungen überwacht, ebenso der Gashaushalt der Deponie. Seit 2013 bis 2017 ergaben die durchgeführten Messungen in den baulichen Anlagen keine kritischen Konzentrationen an Deponiegas mehr (Drs. 22/1017). Aktuelle Messungen sind wegen der zwischenzeitlich erfolgten Machbarkeitsstudie und der weiteren Planungen zurzeit nicht vorgesehen.

 

Diese vier Sanierungsszenarien gibt es:

An der Entscheidung über Sanierungsmöglichkeiten im Rahmen der Machbarkeitsstudie 2019 sind die Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA), die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen, die Finanzbehörde mit dem Landesbetrieb Immobilienmanagement und Grundvermögen (LIG) sowie das Bezirksamt Wandsbek beteiligt.

 

Die Variantenprüfung im Rahmen der Machbarkeitsstudie wird in Abstimmung zwischen den genannten Behörden durch die BUKEA durchgeführt.

 

Vergiftetes Grundwasser: Offenbar keine Gefährdung des Strandbads Farmsen

 

Das verseuchte Grundwasser unter der Deponie Neusurenland würde nicht in Richtung des Strandbads Farmsen abströmen. 2013 und 2019 wurde laut Senat zudem eine Wasserprobe auf deponiespezifische Stoffe untersucht, denen zufolge keine analytischen Hinweise auf einen Einfluss der Deponie auf das Gewässer gefunden wurden.

 

Die Deponie war früher eine Tongrube und besitzt auch immer noch eine Tonschicht. Diese sei jedoch auf einer Fläche von ca. 20.000 Quadratmetern für Verunreinigungen durchlässig. So gelangen Giftstoffe in untere Erdschichten und ins Grundwasser. Unter anderem ist hier die Rede von polyzyklischen aromatischen Wasserstoffen (PAK), Mineralölkohlenwasserstoffen (PAK) und Arsen.

 

Die Fläche des Grundwasserschadens soll 58.000 Quadratmeter betragen. Die Schadstoffe, die im Grundwasser zu finden sind: Chlorbenzole, PAK, NSO-Heterocyclen, Arsen, leichtflüchtige Kohlenwasserstoffe (LCKW) mit Vinylchlorid, BTEX (Benzol, Toluol, Ethylbenzol, Xylol).

 

Die Grundwasserverunreinigungen sind heterogen, d. h. nicht an allen Stellen tritt dieselbe Konzentration auf. Auch an den Messpunkten, 16 Sickerwasser- und Grundwassermessstellen, treten über die Jahre schwankende Konzentrationen auf. Die Fläche des Grundwasserschadens soll jedoch über die Jahre konstant sein. Wichtig zu erwähnen: Die abstromigen Grundwassermessstellen der ehemaligen Deponie Neusurenland weisen nur geringe Belastungen auf (Quelle: Hydraulisches Konzeptmodell der beauftragten Ingenieursgemeinschaft). Die Grundwasserfließrichtung wurde auf Südwest festgelegt.

 

Im Grundwasser eine Schadstofffahne gebildet, die entsprechend der natürlichen Grundwasserfließrichtung nach Südwesten gerichtet ist. Hauptschadstoffe sind Chlorbenzole, PAK, NSO-Heterozyklen, LCKW, BTEX und Arsen. Die Ausbreitung der Fahne wird mittels Grundwassermessstellen regelmäßig überwacht. Die Fahne ist relativ kurz und wird als stationär eingestuft. (Drs. 22/5137)

Das Strandbad Farmsen ist von den Giftstoffen im Grundwasser unter der AAB Neusurenland lt. Senat nicht betroffen.
Das Strandbad Farmsen ist von den Giftstoffen im Grundwasser unter der AAB Neusurenland lt. Senat nicht betroffen.

Keine privaten Brunnen bekannt

 

Das vergiftete Grundwasser wird laut Senat nicht genutzt. Es sind keine privaten Brunnen gemeldet oder bekannt im Bereich der Grundwasserverunreinigung.

 

Kein akuter Handlungsbedarf

 

Trotz der teils erheblichen Verunreinigung des Bodens und des Grund- wie auch Sickerwassers, sieht der Senat keinen akuten Handlungsbedarf bei Beibehaltung der aktuellen Nutzung. Eine Gefährdung der Bevölkerung kann laut Senat nach derzeitigem Kenntnisstand ausgeschlossen werden. Das Grundwasser besitzt einen Flurabstand von rund 10 Metern.

 

Bürgerbeteiligung/-information:

 

Für Mittwoch, den 25. März 2020, war eine Informationsveranstaltung in der Aula der Schule Surenland vorgesehen, zur Vorstellung der Ergebnisse der Detailerkundung und der technischen Machbarkeitsstudie. Diese wurde aufgrund der Corona-Thematik abgesagt und bis auf weiteres verschoben, so die entsprechende Hamburg.de-Website. Auf meine Anfrage (Drs. 22/1017) wurde jedoch geantwortet, dass „eine erneute Veranstaltung durch das zuständige Bezirksamt derzeit nicht in Planung“ sei. Immerhin ist geplant, dass „die zuständigen Behörden [...] die Informationen und Beteiligung der Öffentlichkeit im weiteren Verfahren angemessen berücksichtigen“ werden (ebenfalls 22/1017).

Weitere Fakten:

 

- Seit Beginn der Altlastenbearbeitung Anfang der 1980er Jahre hat die Stadt ca. 600 Mio. EUR in die Bewertung und Sanierung von Altlasten gesteckt

 

- allein unbebaute Altablagerungen nehmen 260 Hektar ein, teilweise könnten diese für Wohnbebauung taugen

 

- für private Flächen sind grundsätzlich die jeweiligen Verursacher/innen oder Eigentümer/innen zuständig. Die Stadt bietet jedoch Unterstützung bei der Sanierung von Flächen an.

 

- bis in die 60er-Jahre hinein herrschte in Sachen Müllkippen sozusagen Wildwest. Heute sind ehemalig Verantwortliche oft nicht mehr auszumachen und zur Verantwortung zu ziehen.

 

- jährlich gehen etwa 30 Hektar belasteter Flächen in eine neue Nutzung über

 

Eishockey-Halle auf der Fläche?

 

Der Eishockeyverein Crocodiles Hamburg, der sich derzeit in der Oberliga befindet und in die 2. Liga aufsteigen möchte, zeigt wohl Interesse an einem Hallenneubau auf der Fläche der AAB Neusurenland. Es wird ein neues Stadion benötigt, da das derzeitige nicht für die Anforderungen der Zweiten Liga ausgelegt ist. Unser Fraktionsvorsitzender Dennis Thering ist diesem Ansinnen gegenüber aufgeschlossen. Diese Investition ist in Farmsen gerne gesehen, zumal sie wohl größtenteils durch private Investoren bezahlt wäre. Spruchreifes gibt es dazu jedoch noch nicht.

 

Kampfmittelverdacht unter dem Schulsportplatz

 

Das Gelände, auf dem sich der Schulsportplatz befindet, ist durch die Feuerwehr mit einem Kampfmittelverdacht bedacht worden. Hier befand sich früher ein Schützengraben. Mehr lesen Sie unter: https://www.sandrokappe.de/kampfmittel-farmsen-schule-neusurenland

 

Hier finden Sie Kleine und Große Anfragen zum Thema, Presseartikel und die offizielle Seite der Stadt Hamburg

 

Große Anfrage vom 28.10.20: 22/1935, Antworten aufgrund der Fülle auch hier zu finden: https://www.hamburg.de/altlastensanierung/14638178/neusurenland/

 

Kleine Anfrage von Thomas Kreuzmann vom 09.01.20: 21/19617

 

Kleine Anfrage zu allen Hamburger Altablagerungen vom 11.08.20: Hier finden Sie eine Liste aller aktuell bekannten Altlasten und Altablagerungen mit spezifischen Angaben: 22/1016

 

Kleine Anfrage vom 11.08.20: 22/1017

 

Antrag der SPD und der Grünen zum Vorantreiben der Altlastensanierung und Verstärkung des Flächenrecyclings: 21/7432

 

Stellungnahme des Senats zum Antrag der SPD und der Grünen: 21/16900

 

Abendblatt-Artikel (Paywall): https://www.abendblatt.de/hamburg/article228199059/wohnungsbau-deponie-neusurenland-farmsen-immobilien-hamburg.html

 

Abendblatt-Kommentar (Paywall): https://www.abendblatt.de/meinung/article228199041/Hamburg-hat-einen-Altlasten-Skandal.html

 

Eishockey-Stadion auf der Fläche? Abendblatt-Artikel (Paywall): https://www.abendblatt.de/sport/article228155901/crocodiles-hamburg-eishockey-halle-farmsen.html

 

Artikel von mir zu diesem Thema:

 

https://www.sandrokappe.de/neusurenland/

 

https://www.sandrokappe.de/neusurenland1/

 

offizielle Hamburg-Seite:

 

https://www.hamburg.de/altlastensanierung/10027838/neusurenland/