Die Berichte aus Steilshoop sind längst kein Einzelfall mehr, sondern ein sich zuspitzender Dauerzustand. Verantwortliche aus Schulen, Kitas, Jugendhilfe und Stadtteilnetzwerken machen immer wieder deutlich: Es werden mehr. Mehr Kinder, die ohne Frühstück in den Unterricht kommen. Mehr Kinder ohne Pausenverpflegung. Mehr Kinder, bei denen selbst angemessene Kleidung oder feste Schuhe fehlen. Dass sich mit der „Hunger-AG“ eine eigene Arbeitsgemeinschaft aus engagierten Einrichtungen bilden musste, ist ein Armutszeugnis für die Sozialpolitik einer Stadt, die sich gerne als wohlhabend und sozial versteht.
Der Senat verweist in seiner Antwort auf Indikatoren wie die steigende Nachfrage nach Koch- und Essensangeboten in der offenen Kinder- und Jugendarbeit, auf Beratungsanliegen zur Existenzsicherung und auf Rückmeldungen aus sozialräumlichen Arbeitsgruppen. Gleichzeitig räumt er ein, dass keine detaillierte Erhebung zur tatsächlichen Ernährungslage der Kinder erfolgt. Mit anderen Worten: Die Probleme sind bekannt, sie werden gespürt und benannt – aber sie werden nicht systematisch erfasst. Wer Armut nicht misst, kann sie politisch auch leichter relativieren.
Besonders alarmierend ist die Aussage aus dem Stadtteil selbst: Die Fachkräfte vor Ort berichten übereinstimmend, dass die Zahl der betroffenen Kinder weiter steigt. Trotzdem bleibt es bei einem verwaltenden Umgang mit der Lage. Statt einer verbindlichen, ressortübergreifenden Bewertung und klaren Konsequenzen verweist der Senat auf bestehende Gremien und Austauschformate. Austausch allein macht jedoch kein Kind satt.
Hamburg investiert hunderte Millionen Euro in Prestigeprojekte – allein für ein neues Naturkundemuseum stehen rund 600 Millionen Euro im Raum. Gleichzeitig wachsen in derselben Stadt immer mehr Kinder hungrig auf. Dieser Kontrast ist kaum zu ertragen. Eine so reiche Stadt darf sich nicht damit zufriedengeben, dass Ehrenamtliche, Schulen, Kirchengemeinden und Stiftungen einspringen, um Grundbedürfnisse zu sichern.
Zwar gibt es kostenlose oder vergünstigte Mittagessen in Kitas und Schulen, und auch Programme wie Bildung und Teilhabe werden angeführt. Doch die Realität in Steilshoop zeigt: Diese Angebote reichen nicht aus. Hunger beginnt nicht erst mittags. Er beginnt morgens – und endet nicht mit dem letzten Schultag vor den Ferien. Dass Versorgungslücken ausgerechnet dann auftreten, wenn Schule als stabilisierender Ort wegfällt, ist seit Jahren bekannt. Trotzdem bleibt es bei punktuellen Maßnahmen.
Besonders kritisch ist auch die personelle Situation. Der Senat selbst bestätigt, dass die personelle Ausstattung in den Einrichtungen unverändert bleibt. Zusätzliche Mittel gibt es allenfalls für Sachkosten – auf Antrag. Doch wer soll eigentlich die intensive Arbeit leisten, die nötig wäre, um frühzeitig auf Erziehungsberechtigte einzuwirken, Hilfesysteme zu erklären, Zugänge zu sichern und im Zweifel auch konsequent zu handeln? Ohne deutlich mehr Personal in Kitas, Schulen, Jugend- und Familienhilfe wird sich an der Situation nichts ändern.
Dass der Senat das Engagement der Schulen ausdrücklich begrüßt, die „über ihren originären Bildungsauftrag hinaus“ handeln, klingt freundlich – ist aber politisch hochproblematisch. Es bedeutet im Kern: Der Staat akzeptiert, dass andere seine Verantwortung kompensieren. Ehrenamtliche Notlösungen werden so stillschweigend zum festen Bestandteil des Systems.
Steilshoop hält Hamburg einen Spiegel vor. Kinderarmut ist kein Randphänomen, sondern mitten in der Stadt angekommen – sichtbar, wachsend und bislang unzureichend beantwortet. So kann es nicht weitergehen. Wer Millionen für Großprojekte mobilisieren kann, muss auch den politischen Willen haben, ausreichend Personal einzustellen, verbindliche Konzepte zu entwickeln und sicherzustellen, dass kein Kind hungrig in dieser Stadt aufwächst.
Die Antworten des Senats zeigen vor allem eines: Das Problem ist erkannt – doch die Konsequenzen bleiben hinter der Dringlichkeit zurück.
Vgl. Drucksache 23-02865.

